[Serienkiller-Saturday: Spezial] Paul Schäfer

Serienkiller-Saturday

Paul Schäfer, Serienkiller?

Diesen Monat gibt es keine Ziehung bei Serienkiller-Saturday: Die Lotterie von LeseBlick. Die Teilnehmer dürfen sich selbst jemanden aussuchen, über den sie berichten möchten. Sandra von Booknapping.de hatte auf Twitter auf die Doku-Reihe “Colonia Dignidad – Aus dem Innern einer deutschen Sekte” bei Arte aufmerksam gemacht. Was in dieser Sekte, unter dem Sektenführer Paul Schäfer alles passiert ist, möchte ich euch in diesem Monat erzählen.

Steckbrief

Paul Schäfer

Schäfer wurde am 4. Dezember 1921 in Bonn geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er als Betreuer Jugendlicher in verschiedenen kirchlichen Einrichtungen, dort wurde er aufgrund sadistischer Neigungen und homosexuellen Beziehungen zu Minderjährigen aus verschiedenen Stellen entlassen. Als selbsternannter Prediger scharrte er danach eine immer größer werdende Gemeinschaft um sich. Er gründete einen Verein, dessen Mitglieder ihr Vermögen an den Verein spenden mussten. In der Nähe von Siegburg ließ er von seinen Mitgliedern und Kindern, die sich in seiner Betreuung befanden, ein Jugendheim bauen. Dies fand schnell großen Zulauf durch Kriegswaisen und einzelne Kinder aus armen Familien. Zur Eröffnung gab es eine große Feier mit einigen Politikern und lokaler Prominenz. Darunter auch der chilenische Botschafter, der von dem Projekt begeistert war.

Nach der Eröffnung 1961 begab sich Paul Schäfer auf eine “Pilgerreise”. Gegen ihn lag ein Haftbefehl wegen Vergewaltigung zweier Jungen vor. Auf seiner Reise suchte er einen geeigneten Ort für ein neues Heim, blieb aber erfolglos und tauchte vorerst in Brüssel unter. Seine rechte Hand Hugo Baar berichtete von der Begeisterung des chilenischen Botschafters und zusammen nahmen sie Kontakt zu diesem auf. Sie gaben an, chilenischen Kindern helfen zu wollen, die durch ein großes Erdbeben Waisen geworden waren und wurden so sofort von der Regierung beim Kauf von Land unterstützt und erhielten hunderte Einreisegenehmigungen. Bereits am nächsten Tag verließen zahlreiche Kinder und Anhänger Schäfers das Land Richtung Chile. Darunter auch Wolfgang Kneese, dessen Mutter unter dem Vorwand einer Chorfahrt der Reise des Sohnes zugestimmt hatte.

Die in Chile angekommenen Pilger mussten ein Dorf aufbauen, denn bisher gab es nur Zelte und das nächste chilenische Dorf lag mehrere Kilometer entfernt. Die Kinder mussten bis spät in die Nacht arbeiten. Schäfers Anhänger in Deutschland beschafften Spenden und ließen Altkleider, Maschinen und Geld nach Chile schicken. So konnte ein Krankenhaus errichtet werden, dass seine Dienste der Bevölkerung unentgeltlich zur Verfügung stellte. So bekam die “Colonia Dignidad” schnell einen guten Ruf unter den Einheimischen und die Kindersterblichkeit in der Umgebung sank enorm.

Taten

Zeitraum: 1947 – 1997
Opfer: Verurteilung für den sexuellen Missbrauch von 27 Kindern. Verurteilung für den Missbrauch von 25 Kindern. Verurteilung von Körperverletzung in acht Fällen an chilenischen Kindern.

Es bleibt hierbei eine enorme Dunkelziffer, an Fällen, die nicht strafrechtlich verfolgt wurden, offen. Darunter weitere Fälle von Folter und Mord.

Die Kolonie

Die Kinder der Kolonie wurden in Kinderhäusern durch sogenannte Tanten erzogen. Nur wenige Tage nach der Geburt wurden die Kinder von ihren Eltern getrennt. Nachmittags, nach getaner Arbeit, umgab sich Schäfer mit verschiedenen Gruppen von Kindern. In der großen Gemeinschaft wurde zusammen gebetet und gegessen. Nachts wurden des Öfteren Jagdausflüge unternommen. Bei einem dieser Ausflüge wurde Schäfer lebensgefährlich verletzt. Nach seiner Genesung verschärfte er die Regeln der Kolonie drastisch.

Sein Wort war Gesetz. Eltern und Familie gab es nicht mehr. Die Männer und Frauen wurden getrennt untergebracht. Feiertage und Ruhetage wurden abgeschafft. Die Siedler überwachten sich gegenseitig und bei Verstößen folgten körperliche Strafen. Es gab einen Beichtzwang gegenüber Schäfer, dessen Verein inzwischen finanziell sehr gut dastand, da er keine Arbeitslöhne an seine Mitglieder zahlte. Noch bis ins jugendliche Alter wurden die Jungen von den Kinderfrauen gewaschen, so war es für sie auch nicht verwunderlich, wenn auch Schäfer sie wusch. Zuneigung und Zärtlichkeiten gab es in der Kolonie nicht mehr, nur die Jungen erfuhren diese unfreiwillig durch Schäfer.

Wolfgang Kneese versuchte mehrfach aus der Siedlung zu fliehen, da er den Missbrauch und die harten Lebensbedingungen nicht mehr ertrug. Ihm wurden Psychopharmaka verabreicht und er musste unter der Aufsicht von zwei Bewachern seine tägliche Arbeit weiter verrichten. Als er diese bei einem Gespräch sagen hörte, dass er nicht mehr lange zu leben hätte, unternahm er einen dritten Fluchtversuch. Mit der Unterstützung von Einheimischen konnte er in die Deutsche Botschaft gelangen und erhob Vorwürfe gegenüber Paul Schäfer, unter anderem wegen Kindesmissbrauchs. Schäfers Anwälte unterstellten wiederum Kneese sexuellen Missbrauch seine Zimmergenossen und so blieb Kneese nur noch die Flucht nach Deutschland.

Die Politik

Als 1970 der Marxist Salvador Allende an die Macht kam, fürchtete Schäfer die Enteignung durch den Staat. Er ließ Zäune bauen, ein Alarm- und Kommunikationssystem wurde installiert und von seinen Anhängern aus Deutschland ließ er sich Waffen liefern. Die Kolonie war in allen Belangen bereits Selbstversorger geworden und stellte bald auch ihre eigenen Waffen in der Dreherei, nach Vorlageaus Deutschland, her. Kampflos würde er nicht aufgeben.

Nach dem Putsch 1973 durch Augusto Pinochet bot Paul Schäfer der Regierung seine Dienste an. Busweise wurden die Gegner Pinochets in die Colonia Dignidad gebracht, gefoltert und etliche wurden ermordet. Im Ackerland wurden Massengräber ausgehoben und nach dem erneuten Machtwechsel wieder geöffnet und die Überreste mit Napalm verbrannt. Einige Kinder konnten nachts nicht schlafen, da sie durch die Schreie der Gefolterten wach lagen. Andere Kinder wurden wiederum im Nebenraum selbst brutal gefoltert. Erika Tymm berichtet davon und dass sie aufgrund der Folter mit einem Viehtreiber unfruchtbar ist. Als sich die Praktiken Pinochets offenbarten, wurden keine Waffen mehr an Chile geliefert. Auch hier bot Schäfer seine Hilfe an und produzierte Waffen für die Militärdiktatur.

Ab 1990, nach Ende der Pinochet-Diktatur, wurde der Colonia Dignidad die Gemeinnützigkeit aberkannt und musste Steuern zahlen. Dadurch mussten Arbeitsverträge mit den Mitgliedern geschlossen werden, deren Gehälter aber nie ausgezahlt wurden. Nach wie vor gab es keinen persönlichen Besitz. Als die Regierung die deutschen Abschlüsse der Krankenhausmitarbeiter aberkannte, musste das Krankenhaus geschlossen werden. Dies hatte große Protestwellen zufolge, hinter denen Schäfer sich vor den erneuten Anschuldigungen von Missbrauch verstecken konnte. Zwar hatte Norbert Blüm bereits auf die Missstände in der Kolonie aufmerksam gemacht und auch Ammesty International hatte einen Bericht veröffentlicht, doch dies hielt Bundeskanzler Kohl nicht davon ab, bei einem Staatsbesuch in Chile, die Probleme mit den deutschen Staatsbürgern in Chile in die Hände der chilenischen Regierung abzugeben.

Das Internat

Nach erfolgreichen Protesten wurde das Krankenhaus wiedereröffnet und für chilenische Jungen ein Internat und Freizeitangebot eingerichtet. Waren die deutschen Jungen in der Kolonie in dem Glauben aufgewachsen, dass das Verhalten von Schäfer zwar “unangenehm” aber in Ordnung sei, war den chilenischen Jungen schnell klar, dass die Übergriffe von Paul Schäfer schlichtweg falsch sind. Durch die ständige Überwachung war es den Internatsschülern aber so gut wie unmöglich, eine Nachricht nach außen zu übermitteln. Einem Jungen gelang es aber, einen Zettel an seine Mutter schmuggeln zu lassen, in dem er von der Vergewaltigung berichtet. Seine Mutter holte ihn unter einem Vorwand aus dem Internat. Da sie den lokalen Behörden misstraute, wandte sie sich in der Hauptstadt an die Polizei.

Es wurde eine Sonderkommission eingerichtet und Wolfgang Kneese wurde kontaktiert, um die Ermittlungen zu unterstützen. Nach mehreren Monaten der Ermittlungen sollte Schäfer bei einer Razzia festgenommen werden. Diese und weitere Versuche schlugen aber fehl. In der Zwischenzeit gelang einem weiteren Jugendlichen die Flucht, was dazu führte, dass auch in Deutschland Ermittlungen aufgenommen wurden. Schäfer gelang die Flucht nach Argentinien, wo er 2005 festgenommen werden konnte. Anschließend wurde er nach Chile ausgeliefert und mehrere Verfahren gegen ihn vor Gericht eröffnet, doch für seine Taten während des Pinochet-Regimes wurde er nie verfolgt. Am 24. April 2010 erlag Paul Schäfer im Alter von 88 Jahren einem Herzleiden im Gefängniskrankenhaus in Santiago de Chile.

Bücher und Filme

Filme:
Colonia Dignidad – Aus dem Innern einer deutschen Sekte Dokumentation in 4 Teilen bei Arte.
Das 20. Jahrhundert: Colonia Dignidad 1/2 dieselbe Dokumentation in 2 Teilen auf YouTube
Das 20. Jahrhundert: Colonia Dignidad 2/2 dieselbe Dokumentation in 2 Teilen auf YouTube
Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück Spielfilm

Bücher (Auszug):
Colonia Dignidad: Von der Psychosekte zum Folterlager
Unser geraubtes Leben: Die wahre Geschichte von Liebe und Hoffnung in einer grausamen Sekte
Weg vom Leben: 35 Jahre Gefangenschaft in der deutschen Sekte Colonia Dignidad
Der Fall Colonia Dignidad: Zum Umgang bundesdeutscher Außenpolitik und Justiz mit Menschenrechtsverletzungen 1961-2020 (Edition Politik)
Lasst uns reden: Frauenprotokolle aus der Colonia Dignidad
Colonia Dignidad: Auf den Spuren eines deutschen Verbrechens in Chile
Colonia Dignidad: Verdad, justicia y memoria (Spanish Edition)

Quellen

Arte
Wikipedia
Welt

Vorherige Serienkiller

Miyoko Sumida
Ralph Raymond Andrews
Harold Shipman

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4 Antworten

  1. Christin sagt:

    “Am 24. April 2010 erlag Paul Schäfer im Alter von 88 Jahren einem Herzleiden im Gefängniskrankenhaus in Santiago de Chile.”

    Buuuuh!
    Buuuuuuuuh!
    Viel zu nett für ihn.

  2. Andrea sagt:

    Ach herjee, von dem habe ich noch nie gehört. Weder von Paul Schäfer, noch von der Sekte oder der Kolonie. Krass, wie scharf manche Dinge an einem vorbeigingen und wie lange das vor allem ging.

    Mit dem Herzleiden stimme ich Christin voll zu. Langweilig und viel zu einfach.
    Das er keine Strafverfolgung bekommen hat, ist erschreckend und für die Opfer mit Sicherheit ganz schrecklich. Ich werde mir die Doku auf jeden Fall bei Zeit mal näher anschauen.

    Aber der Augusto Pinochet muss ja auch nicht ganz koscher gewesen sein. Der gute Herr ist übrigens auch an einer Herzattacke gestorben :/

    Von deinen Buchtipps steht nun das von Ulla Fröhlich auf der Liste 😉
    Vielen Dank für deinen sehr ausführlichen Beitrag 🙂

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