Der Duft der Kiefern +Rezension+

Der Duft der Kiefern

Bianca Schaalburg erzählt die Geschichte ihrer Mutter, die als Jüngste von 4 Kindern 1939 zur Welt kommt. Die Geschwister erkranken an Krebs und als Bianca ihre Recherche über ihre Familie beginnt, lebt nur noch ihr Onkel Heinrich. Ihre Oma war schon zuvor dement und hat ihre Töchter überlebt. Mit der Hilfe ihres Onkels und ihres Sohnes Emile beschäftigt sie sich damit, was ihre Familie zur NS-Zeit gemacht hat.

Wir. wussten. von. nichts.

Der Duft der Kiefern, Seite 31, avant-verlag

Der Mantel der Verschwiegenheit

Vermutlich haben sich schon viele von uns die Frage gestellt, was unsere Familien damals gemacht haben. Antworten bekommen oder bekamen wohl nur wenige, den Mantel der Verschwiegenheit konnten nur wenige lüften. Bianca sucht in den Nachlässen ihrer Familie, in Archiven und in Familienalben. Ihre Oma erhielt das Mutterkreuz in Bronze, ihr Vater arbeitete in der DAF. Schon 1926 war ihr Opa in der NSDAP und trug ein Hitlerbärtchen. War er ein Nazi oder ein Mitläufer? Ihre Suche beginnt im Landesarchiv.

Langsam arbeitet sich Bianca Schallburg durch ihre Familiengeschichte. Von 1928 bis 1929 war ihr Opa in der SA. Sie schildert ruhig und einfühlsam verschiedene Gräueltaten und den Genozid. Dabei geht sie immer wieder neuen Ansätzen nach, so auch den Stolpersteinen. In der Straße ihrer Großeltern gibt es nur drei, diese liegen vor dem Familienheim. So geht sie nicht nur der Geschichte ihrer Familie nach, sondern auch der dieser drei Opfer. Obwohl sie keine Bilder von ihnen finden wird, so gibt sie ihnen doch ein Gesicht, in dem sie versucht, ihre Geschichte, so gut es geht, nachzuerzählen.

Auf jedem Kapiteldeckblatt, jeder Jahreszahl, wird ein Vogel dargestellt. Das Motiv der Kiefern wird Bianca bei ihrer Suche nach Antworten immer wieder begleiten. Um ihre Geschichten zu erzählen und Daten darzustellen, greift sie auf eine unglaublich schöne und spannende Darstellungsweise zurück. Sie selbst reflektiert viel über die Dinge, die sie erfährt. Dies geschieht teilweise auf Splashpages mit einem Motiv, das selbst stark mit Reflexionen arbeitet.

Realität und Zeichnung

Immer wieder integriert sie “Originalstücke” in ihre Bilder. Fotos der Stolpersteine, Familienfotos, Briefe, Dokumente, Anträge und Bescheide holen die Lesenden immer wieder in die Realität, dass dies nicht bloß eine Geschichte, sondern Geschehnisse sind. Ihr Bericht endet nicht mit dem Krieg, sondern führt noch weiter bis in die Zeiten der Studentenbewegung und deckt noch andere Familiengeheimnisse auf.

Biancas Geschichte hat mich tief bewegt, fasziniert und nachdenklich gestimmt. Ihre Beharrlichkeit bei der Recherche ist nicht weniger bewundernswert als die künstlerische Umsetzung ihrer Ergebnisse. Vieles spielt in der Siedlung Onkel Toms Hütte in Berlin. Im Anhang gibt es eine Karte, in der verschiedene Orte aufgeführt werden, einen Stammbaum ihrer Familie und viele weite Informationen zu Personen, Orten, Ereignissen, Liedern und den einzelnen Vögeln der Kapitalseiten, die im Comic vorkommen.

Der Duft der Kiefern ist ein einfühlsamer und ehrlicher Comic, nicht nur über die Familiengeschichte von Bianca Schaalburg.

Der Duft der Kiefern ...

… spiegelt Empathie und eine achtungsvollen Umgang mit der Geschichte in den Bildern wider.
… bereitet Fakten anschaulich auf.
… beschäftigt sich mit der Familiengeschichte zur NS-Zeit und damit mit einer Frage, die sich viele vermutlich schon selbst gestellt haben.

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Der Duft der Kiefern

Szenario und Zeichnungen: Bianca Schaalburg
Hardcover mit 208 Seiten
ISBN: 978-3-96445-058-6
Erschienen am: 01.09.2021
beim avant-verlag

Der Comic wurde mir als kostenfreies Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Meine Meinung ist dadurch nicht beeinflusst.

© avant-verlag
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