Die Frau als Mensch 2: Schamaninnen +Rezension+

Die Frau als Mensch: Schamaninnen

Wie schon im ersten Band starten wir bei „Die Frau als Mensch 2” mit der Kindheit von Ulli Lust. Über Denkmäler in der Umgebung gelangen wir ins Naturhistorische Museum. Von dort ist es nur noch ein kleiner Sprung in die Vergangenheit, und unser Sprungbrett ist die Venus von Willendorf. Zu dieser und ähnlichen Statuetten erwartet uns später ein sehr ausführliches Kapitel.

Barbara Tedlock gibt in ihrem Buch „Die Kunst der Schamanin – Heilen und Wissen als weibliche Tradition“ seltene und wertvolle Einblicke in die Geschichte und Praxis des weiblichen Schamanismus. Weiblicher Schamanismus wurde in der Fachliteratur oft trivialisiert. Durch sprachliche Aspekte bei der Übersetzung und allgemeine Postulate über Frauenrollen wurden historische Spuren von Schamaninnen verwischt.“ Sie erläutert es mit vielen Beispielen; nur eines davon soll hier zitiert werden: „In Südamerika übersetzte der Ethnograf Norman Whitten, der im Amazonasgebiet arbeitete, den Begriff, Yachaj (wörtlich: der Wissende) aus dem Quichua mit mächtiger Schamane‘, wenn er Männer nannte, und mit, Töpfermeisterin zur Bezeichnung von Frauen.“

Von Füchsin und Nessel

Im Comic werden wir immer wieder auf Kunst treffen. Diesmal führt uns die Schamanin Füchsin durch die Rahmenhandlung. An ihrer Seite ist unter anderem ihre Tochter Nessel, die sich bereits in Ausbildung befindet. Wer mehr über die Figur der Füchsin erfahren möchte, sollte bei meinem Bericht über den Vortrag von Ulli Lust bei der VHS Online vorbeischauen. Dort ist auch der Vortrag selbst verlinkt. Im Comic erhalten wir erst auf Seite 214 einen Einblick in die Entstehung von Füchsin, doch schon früher wird Nessel mit der Anfertigung der Venus beginnen.

Oben habe ich euch ein Zitat von Seite 222 geteilt. Allein das macht mich schon wieder wütend. Wie sehr, könnt ihr in der Folge 2/47 vom Comicklatsch hören. Durch den Bias von Männern wurden Frauen nämlich unsichtbar gemacht. Dieser zweiteilige Sachcomic beschäftigt sich daher insbesondere mit der Sichtbarmachung von Frauen in der Geschichte. Keine Sorge, auch Männer werden hier durchaus positiv zitiert. Ich habe beim Lesen viele Markierungen gemacht und möchte mit euch ein paar meiner liebsten/spannendsten Stellen teilen:

  • Die Bedeutung der Birke als mächtiges Zeichen: Hier wird auf Besen und die Banja-Sauna eingegangen. Bei mir zu Hause gibt es Moore, und die Birke zeigt uns den sicheren Weg.
  • Der Fliegenpilz: Zwischen tödlich und berauschend darf er hier sogar sein eigenes Lied „Ein Männlein steht im Walde” vortragen. Die Umsetzung war sehr lustig.
  • Die Menschen haben den Anteil der Männer an der Zeugung nicht verstanden. Bei Kinderwunsch sind Frauen mit nacktem Hintern heilige Steine runtergerutscht. Das gibt es noch heute.
  • Schwitzhütten, Räuchern und Beifuß: Beifuß war das Kraut für alles. Es wirkt leicht rauschend, erleichtert Geburt und Menstruation, ist antibakteriell und entzündungshemmend. Eigentlich möchte ich direkt Beifuß suchen gehen.
  • Vitruvianischer Mensch vs. Venus: Das Bild von da Vinci im Vergleich zu weiblichen Statuetten. Quadrat und Kreis im Gegensatz zur Form einer Raute mit einem Kreis in der Mitte.
  • Die Darstellungen im Comic basieren oftmals auf Darstellungen von indigenen Völkern. Natürlich mit Quellenangabe (Die Quellenangeben im Anhang sind umfangreich).
  • Alten Bestattungsriten: Wie die oberirdische Bestattung zur Darstellung der Baba Jaga, dem Haus auf Hühnerbeinen, wurde.
  • Alan Moore taucht auch in diesem Comic auf und wie ich ihn direkt bei „Der letzte Tag des Howard Phillips Lovecraft“ erkannt habe, habe ich ihn auch hier erkannt. Hier ein Zitat über Magie.
  • Die Seite „Wen oder was zeigen die ersten eiszeitlichen Statuetten?” Hier lässt Ulli Lust Raum für Spekulationen und Fragen.
  • Eigentlich ist es aus der Zeit gefallen, denn die Handlung kann nicht zur Zeit von Füchsin gespielt haben. Doch es ist unheimlich spannend, wie die männliche Linie zu enden droht, weil der einzige Sohn eines reichen Mannes stirbt, und wie die Schamanin bei ihrer Reise ins Totenreich ihre Mutter und die weibliche Linie ihrer Familie aufzählen muss. Als die Geschichte entstand, scheint es einen Umbruch gegeben zu haben. Im Mittelpunkt stehen nicht der reiche Mann und sein Sohn, sondern die mächtige Schamanin, die die Urmutter besucht und ein Leben ohne Ketten feiert.

Erst ganz zum Schluss schleichen sich die ersten männlichen Bilder und Symbole ein. Mit der Rückkehr in Ulli Lusts Gegenwart zeigen sich auch hier einige Schattenseiten des Lebens, denen wir uns heute noch mit dem Entzünden von Licht stellen.

Nicht nur die Rahmenhandlung um Füchsin und den Einbruch der langen Kälteperiode ist spannend, sondern auch die vielen detailverliebten Zeichnungen. Die Handlung erweckt das Leben in den vielen Fakten, über die dieser Comic berichtet, zum Leben. Er ist wieder einmal unheimlich spannend und fesselnd. Eine große Empfehlung für einen modernen Blick auf unsere Vergangenheit. Dabei macht sich Ulli Lust bewusst, dass wir durch unsere Sozialisierung niemals einen ungetrübten Blick auf diese werfen können.

Die Frau als Mensch 2 ist ein fantastischer Sachcomic und ich hoffe auch dieser Band räumt die Preise ab, die er verdient hat.

Die Frau als Mensch 2 ...

… ist voller Wissen und spannend erzählt.
… fasziniert mich und hat ein großartiges ausgetüfteltes Aurwork.
… sorgt hier und da für einen Comic Relief oder Anspielungen auf die Gegenwart.

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Die Frau als Mensch: Schamaninnen

Szenario und Zeichnungen: Ulli Lust
Farben: Julia Eichstädt, Luca Gierth und Ulli Lust
Hardcover mit 304 Seiten
ISBN: 978-3-95640-494-8
Erschienen im Februar 2026
bei Reprodukt

Der Comic wurde mir als kostenfreies Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Meine Meinung ist dadurch nicht beeinflusst.

© Reprodukt

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