Flug 111 +Rezension+
Flug 111 – Worte nach dem Unglück
Talel Aronowicz ist selbst eine Hinterbliebene des Swissair-Flugs 111, der am 2. September 1998 abgestürzt ist. Es gab keine Überlebenden. Ihre Großeltern waren ebenfalls an Bord. Als es geschah war sie erst sieben und konnte nur wenig verstehen, von dem, was passiert ist. Ihre Geschwister noch deutlich jünger, noch viel weniger. Ihre Mutter hat der Verlust schwer getroffen und nach vielen Jahren sucht sie das Gespräch mit ihr.
Absurd … All diese Leute, die in den Urlaub aufbrechen oder aus dem Urlaub zurückkamen … und wir hatten unsere Eltern im Koffer …
Schmerzhafte Erinnerungen
Ich sage es euch ganz ehrlich, ich war mich nicht sicher, ob ich diesen Comic lesen und besprechen sollte. Denn ich sehe diese Flugzeugabstürze oft als Dokumentation. Ich liebe sie Serie Mayday – Alarm im Cockpit. Hier werden die Geschehnisse sachlich aufarbeitet und es wird in gewisser Weise die Qualitätssicherung beleuchtet. Wie und warum konnte es passieren und wie kann es verhindert werden? Welche Lehre wird gezogen und dazu gehört oft auch der Umgang mit Opfern und Hinterbliebenen, doch vor allem geht es um Flugsicherheit.
Ein bisschen schäme ich mich das Leid ihrer Familie, als sachlichen Bericht angesehen zu haben. Für sie spielte es keine Rolle, wie es zum Absturz kam. Hier geht es um ihre Familiengeschichte und was der Verlust der Großeltern auslöste. Solltet ihr dennoch mehr über den Hergang wissen wollen, habe ich euch oben die Mayday-Folge verlinkt. Eventuell ist dort sogar ihr Onkel zu sehen, der für die Opfer zum Sprachrohr wurde, während ihr Mutter schwieg.
Dies macht ihre Erzählung so schmerzlich. Sie möchte mehr wissen über ihre Großeltern und fragt ihre Mutter danach. Ihre Mutter konnte damals nur weitermachen, weil sie ihre Kinder hatte, um die sie sich kümmern musste. Alles was geschehen ist, fraß sie in sich rein. Nur die Reise mit ihren Geschwistern hat sie angetreten, um die sterblichen Überreste zu überführen. Noch heute fällt es ihr schwer darüber zu reden und Talels Geschwister wissen fast nichts.
Doch auch Talel selbst versucht ihre Erinnerungen zu rekonstruieren. All das, was sie über ihre Großeltern erzählen, geht mir sehr nah. Sie scheinen tolle Menschen gewesen zu sein. Beide landeten aus unterschiedlichen Gründen in der Schweiz, beim selben Arbeitgeber und doch haben sie sich nicht in der Schweiz kennengelernt. Gemeinsam mit Talel blättern wir durch Hochzeitsfotos. Vieles fühlt sich so nah und persönlich an, dass mir die Tränen kommen.
Die Blautöne halten uns in der Gegenwart, wie sie mit ihrer Familie spricht. Die Sepiatöne zeigen uns die Erinnerungen. Wie sie die Nachricht vom Absturz erhalten haben, welche Erinnerungen die ältesten Enkel noch haben. So viele alte Wunden werden bei ihrer Reise in die Heimat wieder aufgerissen, doch so können sie auch heilen und vernarben. Die Spuren und die Erinnerung bleiben für immer.
Flug 111 erzählt nicht vom Absturz, sondern vom Verlust und den Folgen für die Hinterbliebenen einer der Familien, die ihr Lieben bei dem Unglück verloren haben.
… ist eine Familienhistorie die durch den Absturz geprägt wurde.
… hat ein ruhiges Artwork, das die Handlung unterstreicht.
… setzt Joyce und Victor Ratanavale ein Denkmal.




Sollte euch das Thema interessieren und nicht zu Nahe gehen, dann findet ihr in Talel Aronowicz Comic einen tollen Punkt zum Einstieg. Die Panelstruktur ist oft einfach gehalten und die Leserichtung wird oft durch panelübergreifende Elemente noch verdeutlicht. Der Text ist leicht zu lesen und ergänzt die Bilder. Vorwissen benötigt ihr nicht, doch eine gewisse emotionale Intelligenz, wie die Autorin selbst sagt (ok, sie sagt es zu ihrem Vater), könnte hilfreich sein.
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Flug 111 – Worte nach dem Unglück
Szenario und Zeichnungen: Talel Aronowicz
Übersetzung: Silv Bannenberg
Hardcover mit 128 Seiten
ISBN: 978-3-03964-134-5
Erschienen am: 26.03.2026
bei Helvetiq
Der Comic wurde mir als kostenfreies Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Meine Meinung ist dadurch nicht beeinflusst.
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