[ Interview & Lesung ] Valentin – Jens Genehr

Bunker_Valentin

Denkort Bunker Valentien

Jens Gehnehr ist 29 und arbeitet seit 2013 ehrenamtlich im Denkort Bunker Valentin. Nun wurde sein Comic Valentin, der auch seine Diplomarbeit ist, veröffentlicht. Im Rahmen des globale° – Festival für grenzüberschreitende Literatur und in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung Bremen fand eine Lesung seines Werkes im Bunker Valentin statt. Der Comic basiert auf Foto- und Filmaufnahmen von Johann Seubert, der für die Nationalsozialisten den Bau des U-Boot-Bunkers Valentin in Bremen Farge dokumentierte. Doch insbesondere hat Jens auf die Tagebuchaufzeichnungen von Raymond Portefaix, der als Jugendlicher aus dem französischen Dorf Murat nach Bremen Nord verschleppt wurde, zurückgegriffen.

Hauptsächlich aus diesen beiden Elementen hat er eine teilfiktive Handlung geschaffen, die vermutlich, dank seiner intensiven Recherche, nah an die Wahrheit kommt. Ich hatte nicht nur die Gelegenheit, an dieser Lesung teilzunehmen, sondern auch Jens einige Fragen zu stellen. Außerdem gab es zwei Zuschauerfragen nach der Lesung, die ich euch nicht vorenthalten möchte.

“Ich kann nichts Anderes.”

Ariane: War deine ehrenamtliche Tätigkeit im Bunker der Grund, warum du dieses Thema für deinen Comic ausgewählt hast?

Jens: Eigentlich war es sogar der Vorschlag meiner Kollegen. Ich habe in den Pausen oder nach Führungen und Seminaren immer in mein Skizzenbuch gezeichnet. Die Geschichte des Bunker Valentin bewegt und es ich meine Art, Dinge zu verarbeiten, in dem ich zeichne. Meine Kollegen haben es gesehen und mich motiviert mehr daraus zu machen.

Ariane: Hast du dein Studium an der Hochschule für Künste mit dem Ziel begonnen ein Comic zu schaffen?

Jens: Nach meinem Erststudium wollte ich keinen Master in dem Fachgebiet machen und mit dem Zuspruch meiner Kollegen habe ich dann mein Studium begonnen, um genau diesen Comic umzusetzen.

Ariane: Wie lange hast du für den Comic gebraucht?

Jens: Von Idee bis Fertigstellung waren es etwa 6 Jahre.

Ariane: Hattest du schon vorher Comicprojekte?

Jens: Nein. Im Laufe des Studiums hatte ich einige andere Projekte

Ariane: Liest du denn Comics?

Jens: Ja. Als Kind habe ich bei einem Freund ein Prinz Eisenherz Comic gefunden. Irgendwann habe ich angefangen Manga zu lesen und später ernstere Comics.

Ariane: Zeichnest du lieber analog oder digital?

Jens: Analog. Nachbearbeiten mache ich dann am PC.

Ariane: Hast du bestimmte Vorlieben für Motive?

Jens: Architektur. Allerdings musste ich für den Comic vieles Neues lernen und die Vorlieben über Bord werfen. Ich durfte nicht so viel Gesichter zeichnen und muss mehr auf die Körper achten.

Ariane: Wie würdest du deinen Stil bezeichnen oder was sind deine Einflüsse?

Jens: Keine Ahnung, wie mein Stil zu bezeichnen ist, ich arbeite viel mit Bleistift, Buntstift und aquarellierten Hintergründen. Einflüsse habe ich recht viele, von Tim und Struppi über Manga und so weiter. Daraus hat sich mein eigener Stil entwickelt.

Zuschauerfrage: Warum hast du dich für das Medium Comic entschieden?

Jens: Ich kann nichts Anderes.

Zuschauerfrage: Hast du dich bewusst für schwarz / weiß entschieden, vielleicht sogar als Hommage an Art Spiegelman?

Jens: Farben muss ich noch üben, das ist wirklich schwer für mich. Tatsächlich habe ich überlegt, ob ich den Comic farblich gestalten möchte, aber das habe ich nach über 20 Seiten wieder verworfen und mal wieder den Comic von vorne begonnen.

Quellen fiktionalisieren

Ursprünglich wollte Jens einfach nur eine Übersetzung von Raymond Portefaixs Tagebüchern Hortensien in Farge als Comic machen, denn seine Tagebücher sind bisher nur unvollständig auf Deutsch erschienen. Durch seine Arbeit im Gedenkort stellte er aber schnell fest, dass ihm dieser Blickwinkel nicht genügt und hat auch die Bilder von Johann Seubert einfließen lassen. Aus diesen Bildern und anderen Akten hat Jens versucht, auf Johann Seuberts Wesen zu schließen und einen fiktiven Charakter aus diesen Quellen zu schaffen. Das Ende des Comics hat er einem Interview mit Raymond Portefaix für den Film Der Bunker entnommen und nach der Seite 224 noch um ein fiktives Ende ergänzt.

In der Lesung setzt Jens dem Publikum intensiv seine Quellen auseinander. Er kennt sich mit der Geschichte des Bunkers nicht nur durch sein Ehrenamt, sondern durch weitere intensive Recherchen aus, das wird schnell klar. Ihm ist es wichtig zu erinnern und die Gräuel aufzuzeigen, denn es darf uns nicht egal sein. Jeden Tag mussten 1000 Zwangsarbeiter*innen zur Baustelle des Bunkers laufen. Ihre Unterbringung war nie für so viele Menschen ausgelegt. Mit dem Eintreffen von Raymond Portefaix stieg die Anzahl im KZ-Außenlager Bremen-Farge auf 2500 Menschen, die zum größten Teil unterirdisch in einem Ölbunker untergebracht wurden. Entkräftung, Verletzungen und Tote, daraus bestand die Tagesordnung in diesem KZ. Kurz vor Kriegsende waren sogar bis zu 9000 Menschen dort eingepfercht, bevor sie zu Todesmärschen in andere KZs starteten.

Gegen das Vergessen

Das Publikum war gebannt von Jens Vorstellung. Viele junge Menschen waren dort, doch der Großteil der Besucher waren ältere Einheimische, die eine Verbindung zum Bunker haben. Der Gedenkort wurde aufgrund des Bestrebens der Bürger des Ortsteils Farge eingerichtet, die die Vergangenheit sichtbar halten wollten und die Geschehnisse und Gräuel nicht einfach unter den Teppich kehren wollten. Mit dem Comic Valentin trägt nun auch Jens, nicht nur als ehrenamtlicher Mitarbeiter, dazu bei, dieses Gedenken aufrechtzuerhalten.

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Instagram Denkort Bunker Valtentin

 

Klappentext:
Bremen-Farge 1944: Obwohl die größte Baustelle Europas, eine riesige U-Boot-Werft, der Geheimhaltung unterliegt, bekommt Fotograf Johann S. den Auftrag, das Projekt zu dokumentieren. Zu den hier eingesetzten Zwangs- und Sklavenarbeitern gehört auch der junge Franzose Raymond P., der von den Nazis ins KZ verschleppt wurde.

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