Da, wo ich dich sehen kann +Rezension+
Da, wo ich dich sehen kann
Ein Mann hat seine Frau getötet. Es wird nicht als „Familientragödie“ bezeichnet, sondern klar als Femizid benannt. In Da, wo ich dich sehen kann hören wir das Echo, das in den Hinterbliebenen nachhallt. Der Roman beginnt nicht bei der Tat, sondern in der Zeit danach. Im Mittelpunkt stehen die Menschen, die mit dieser Lücke leben müssen: Maja, die Tochter, Brigitte, die Mutter, Per, der Vater, und Liv, die Freundin. Sie alle stellt sich die Frage: Hätten sie die Tat verhindern können?
Nur der Täter ist schuld
Der vielstimmig erzählte Roman gibt den Hinterbliebenen Raum, ihren Schmerz zu teilen. Liv hängt immer wieder in der Vergangenheit fest und öffnet so ein Fenster zu Emma, der Toten. Deren Wesen lernen wir vor allem durch Erinnerungen und Gespräche kennen. Maja, die neunjährige Tochter, trägt eine kaum erträgliche Last: Sie sieht aus wie ihr Vater, hat gesagt, sie habe Papa lieber, und ist nun überzeugt, dadurch „die Böse“ zu sein. Wie kann sie so liebevoll bei den Eltern ihrer Mutter aufgenommen werden? Wie kann sie sich selbst anschauen, wenn sie aussieht wie ihr Vater, der ihre Mutter getötet hat?
Einige Szenen haben sich mir regelrecht eingebrannt. Das Transkript des Notrufs der neunjährigen Maja hat mich komplett zerstört. Danach folgt die Leichenschau, in der die grausamen Details sachlich beschrieben werden. Im Buch folgen weitere amtliche Dokumente. Über den Tag der Tat kann niemand sprechen. Liv ist ein Star-Trek-Nerd, der Physik und Science-Fiction liebt. Daraus ergibt sich die Idee der Paralleluniversen. Einige der Personen werden sich in ein Paralleluniversum flüchten und ein „Was wäre, wenn“-Szenario durchspielen.
In den Rückblicken, Erinnerungen und Paralleluniversen lernen wir Emma besser kennen. Es ist schmerzhaft mitanzusehen, wie Emma kurz nach Majas Geburt nicht einmal in der Lage ist, all ihre Ängste um ihr Baby auszusprechen. Dazu kommen sprachlich starke Bilder wie das Zitat „Menschen hinterlassen mehr als Erinnerungen, sie hinterlassen schwarze Löcher, die dich gnadenlos anziehen und in den Abgrund reißen, wenn du ihnen zu nahe kommst“, das auch auf dem Buchrücken zu finden ist. Diese schwarzen Löcher stehen sinnbildlich für eine Trauer, die nicht nur traurig, sondern existenziell, schwer und alles verschlingend ist.
Besonders schön fand ich die kurze Perspektive der Hündin Liv, die die Menschen als „Menschlinge“ wahrnimmt: den großen Menschling und den Welpen, der nach Angst riecht. Wenn Maja fragt, ob Mama jetzt bei den Sternen ist, wie Mufasa in „König der Löwen“, und Maja jedoch selbst mit brutaler Ehrlichkeit sagt, dass Mama unter der Erde liegt und verrottet, dann verhärtet sich in ihr eine Vorstellung vom Tod, die kaum Raum für Trost lässt. Gleichzeitig gibt es diese zarten, fast verspielten Details wie Majas Liebe zu Füchsen. Sie hat Anhänger, Lampen und mehr, sodass es immer wieder kleine Inseln der Wärme in einem ansonsten von Contentwarnungen übervollen Buch gibt.
Natürlich gibt es Interaktionen zwischen den Hinterbliebenen, sodass schnell deutlich wird, wie willkommen Liv bei Emmas Eltern ist und wie kalt ihre eigene Mutter wirkt. Livs Mutter wirkt zunächst wie „die Hölle“, eine Frau, die das eigene Kind kaum zu schätzen scheint. Doch je mehr von ihrer Geschichte durchscheint, desto klarer wird, wie sehr auch sie von Erfahrungen geprägt ist, in denen Kinder zu Waffen gemacht wurden und Frauen in Beziehungen leiden mussten.
So viele Tränen, so viel Wut
Meine Lektüre war eine echte emotionale Achterbahnfahrt, doch genauso schlimm und schmerzhaft ist es, einen Verlust zu verarbeiten. Schon nach den ersten Seiten hatte ich einen dicken Kloß im Hals und mir liefen immer wieder Tränen über das Gesicht. Ich habe das Buch im Dezember begonnen, musste es dann aber über Weihnachten und Neujahr zur Seite legen, weil ich diese Trauer in den ruhigen Tagen nicht aushalten wollte. Immer wieder gab es Momente, in denen ich dachte: „Jetzt muss es doch leichter werden. Jetzt brauche ich eine Wendung.” Doch sie kam nicht so schnell, wie ich es mir für mein eigenes Herz gewünscht hätte.
Mit der Zeit verändert sich die Art und Weise, wie der Schmerz beim Lesen wirkt. Nach etwa einem Drittel hörte es auf, dass ich ständig heulen musste, auch wenn die Beklemmung blieb. Diese Leere ist so groß, dass sie einen beim Lesen einfach einsaugt. Es gibt Rückschläge und neue Schicksalsschläge, die alles wieder aufreißen und mich erneut zum Weinen bringen. Aber dazwischen schleifen sich die spitzen Kanten langsam rund. Irgendwann war ich an einem Punkt, an dem ich wieder längere Zeit am Stück lesen konnte und auch der Schmerz der Protagonisten wird weicher. Zwar habe ich zwischendurch immer noch „wie ein Schlosshund“ geweint, aber es tat nicht mehr ganz so weh, sondern eher dumpf und weich wie eine Narbe, die man noch spürt, aber die nicht mehr bei jeder Berührung aufreißt.
Besonders spannend fand ich, wie konsequent das Buch die Perspektive wechselt. Hier stehen bewusst das Opfer und die Hinterbliebenen im Mittelpunkt, nicht der Täter. Das ist ein deutlicher Kontrast zu vielen True-Crime-Formaten, die im Buch dafür kritisiert werden. Anstatt die Tat oder den Täter psychologisch zu sezieren, bleibt der Fokus auf denjenigen, deren Gefühlswelt kopfsteht und die mit den Konsequenzen leben müssen. Es wäre möglich gewesen, mehr Raum für die Eltern des Täters zu schaffen, die ebenfalls leiden. Der Roman entscheidet sich jedoch bewusst dagegen und widmet diesem Thema allenfalls einen kurzen Blick. Eine klare Entscheidung für das Opfer und gegen den Täter. Ebenso gibt es eindeutige Seitenhiebe gegen Autoren, die Gewalt gegen Frauen nutzen, um ihre Helden zu motivieren, obwohl es in der Geschichte auch ohne diese Gewalt funktioniert hätte.
Da, wo ich dich sehen kann ist damit kein Buch, zu dem man „mal eben“ greift, sondern eines, für das man bereit sein muss. Es ist voll von Themen, für die Contentwarnungen existieren: Femizid, häusliche Gewalt, die Instrumentalisierung von Kindern, Trauer, Suizidgedanken, Leichenschau, die Schuldgefühle eines Kindes, das glaubt, am Tod der Mutter mit Schuld zu tragen. Gleichzeitig gehört es zu den Büchern, die ehrlich sind und den Hinterbliebenen eine Stimme geben, die sonst oft im Schatten der Tätererzählung verschwinden. Wer die emotionale Belastung tragen kann und Geschichten sucht, die die Perspektive der Opfer ernst nehmen, findet hier einen intensiven, schmerzhaften, aber auch tröstlichen Roman, in dem die Trauer mit der Zeit ihre Form verändert, aber nicht verschwindet.
… ist ein klares Statement gegen Gewalt an Frauen.
… beschäftigt sich mit Trauerarbeit und Sorgerechtsfolgen.



Da, wo ich dich sehen kann
Szenario: Jasmin Schreiber
Hardcover mit 432 Seiten
ISBN: 978-3-8479-0223-2
Erschienen am: 31.10.2025
bei eichborn
Das Buch wurde mir als kostenfreies Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Meine Meinung ist dadurch nicht beeinflusst.
Manchmal brauchen Gefühle von Hinterbliebenen keine Worte:
Niemand außer dir
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