Ein Abend mit Ulli Lust: Die Frau als Mensch – Einblicke in die Entstehung der Sachcomics

Ulli Lust: Die Frau als Mensch

Bei der VHS Wissen live fand kürzlich eine wirklich sehr gut besuchte Online-Veranstaltung mit der Comic-Künstlerin Ulli Lust statt. Fast 600 Teilnehmende schalteten sich ein, um mehr über ihr aktuelles Werk Die Frau als Mensch zu erfahren. Genau genommen ist es bereits zwei Werke, zwei Sachcomics, die sich mit früheren Darstellungen von Frauen auseinandersetzt.

Schon während ihres Studiums ließ sich Ulli Lust von alten Göttinnenfiguren, Höhlenmalereien und frühen Kulturen inspirieren. Besonders faszinierten sie die Frauenstatuetten aus der Steinzeit. Kraftvolle, oft voluminöse Darstellungen, deren Bedeutung bis heute nicht eindeutig geklärt ist. Eine ihrer Vermutungen: Viele dieser Figuren könnten Teil ritueller Handlungen gewesen sein und die jeweils dargestellte Frau selbst abbilden.

Dabei prägte auch die männlich dominierte Wahrnehmung der Archäologie ihre Arbeit. „Geschichte wurde von Männern geschrieben“, fasst Lust den Ausgangspunkt treffend zusammen. Obwohl in der Frühzeit auffallend viele weibliche Figuren und deutlich weniger männliche Darstellungen existieren, verschiebt sich dieses Verhältnis mit der Erfindung der Schrift. Männer übernehmen die Deutung und schreiben fortan die Geschichte. Diese stark maskulinen Prägung zeigt sich unter anderem darin, dass immer wieder diese Figur gezeigt wird. Doch nicht ihr Gegenstück. (s. u.)

Vom Bleistift zum digitalen Farbauftrag

Neben den inhaltlichen Aspekten sprach Ulli Lust auch ausführlich über ihren künstlerischen Prozess. Bevor sie mit Zeichnungen beginnt, entwickelt sie Storyboards, sammelt Referenzfotos (unter anderem aus Kirchenräumen oder Mammutspuren, die später im Comic auftauchen) und arbeitet sich emotional in das Thema ein, sie „liest“ Bilder auch auf psychischer Ebene.

Die Comics selbst entstanden über mehr sieben Jahre hinweg, teils während zweier Forschungssemester, teils in der stilleren Corona-Zeit. Text und Zeichnungen stammen vollständig von Lust, doch bei der Koloration holte sie Unterstützung dazu: Eine Gruppe ihrer Studierenden beteiligte sich im Rahmen eines Praxisprojekts an der Farbgestaltung. Gemeinsam unternahmen sie Exkursionen in Berge und Höhlen, um die originalen Ockertöne der Felsmalereien zu studieren. Die Koloration erfolgte anschließend digital auf iPads. Besonders hervorgetan hat sich dabei eine Studentin, die für den zweiten Band schließlich komplett die Farbgestaltung übernahm und dass diesmal als bezahlte Mitarbeiterin. Der zweite Band ist frisch erschienen und bereits für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Mammutspuren - Aus der Präsentation von Ulli Lust
Mammutspuren – Aus der Präsentation von Ulli Lust

Für ihre Arbeit nutzt Ulli Lust reale Fotovorlagen. Im Bild oben verwandelt sie etwa Elefantenspuren in ihrem Comic in die gewaltigen Fährten eines Mammuts. Auch bei der Gestaltung achtet sie auf symbolische Details: Die Vorsatzpapiere zeigen einmal die Gegenwart und einmal die ferne Vergangenheit eines Ortes, wodurch sich beide Zeitebenen verbinden. Bei der Koloration arbeitete sie mit sorgfältig und entwickelten Farbschemata mit Farbbögen. Über die Jahre hat sie bereits viel ausprobiert, doch ihr liebstes Werkzeug ist der Bleistift. Er gibt haptisches Feedback auf dem Papier und verbraucht sich.

Doch der Entstehungsprozess eines Comics ist für Lust nicht ganz einfach. Sie braucht absolute Ruhe zum Arbeiten. Keine Menschen, nicht sprechen, keine Unterbrechungen und nach zwei Wochen Rückzug kommt sie dann in einen richtigen Flow.

Besonders spannend sind auch die Einblicke in die Figurenentwicklung des zweiten Bandes. Eine ihrer Hauptfiguren formte Ulli Lust nach dem Vorbild einer uralten Maske, die einen schiefen Mund hat. Dies ist vielleicht eine Folge eines gebrochenen Kiefers als Kind. Diese kleine Unvollkommenheit verleiht der Figur etwas Eigenwilliges und sehr Menschliches. Das Kostüm dieser Figur entstand mit persönlicher Handschrift: Den markanten Fuchsmantel entwarf Lust gemeinsam mit ihrer Schwester, die gelernte Schneiderin ist. Als Schamanin hat der Fuchs eine besondere mystische Bedeutung.

Vom Mythos zur Menschlichkeit

Thematisch bewegt sich Die Frau als Mensch zwischen Ethnologie, Archäologie und Mythologie. Lust sieht Mythen, Märchen und orale Überlieferungen als Schlüssel, um die Denkweise von Jäger- und Sammlerkulturen nachzuvollziehen. Damit ist ihr Comic keineswegs ein feministisches Manifest, sondern eher ein humanistisches Erzählprojekt, das die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse aufgreift und zugleich Fragen nach Empathie, Gemeinschaft und kulturellem Ursprung stellt. In den 10-15 Jahren vor Arbeitsbeginn an ihrem Comic sind viele neue Erkenntnisse über die Rolle von Frauen in der Vergangenheit erlangt worden.

Für die Teilnehmerschaft hat Ulli Lust einige Werke als Leseempfehlung dabei, wie Mütter und andere von Sarah Blaffer Hrdy, Anfänge von David Graeber und David Wengrow sowie auf die Schriften der Archäologin Marija Gimbutas. Alles Autor:innen, die die Frühgeschichte mit neuem Blick lesen.

Wer die Veranstaltung verpasst hat, kann sie in Kürze über die Mediathek von vhs-wissen-live.de ansehen. Dort gibt es auch die vollständige Aufzeichnung mit weiteren Buchtipps und Gedanken zur Entstehung des Comics.

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